Kurz vor meiner Heimreise orientiere ich euch gerne nochmals über die Freuden und Leiden meines 10 wöchigen Herbstaufenthaltes.

Das Leiden zuerst: Wir konnten immer noch nicht, wie ich sehnlichst gehofft hatte, ins neue Spital umziehen. Der Innenausbau geht leider sehr schleppend voran, vor allem auch, weil im Herbst die beiden grossen Feste, Dashein und Tihar, sind; an Dashein sind es 5 Tage und an Tihar 3 Tage, wo die Verwandten besucht, die Götter geehrt und ringsherum Geschenke gemacht werden müssen. Da ruht auch die Arbeit und viele Bauarbeiter machen die Brücke und bleiben gerade 3 Wochen bei den Angehörigen. Bei diesem Frust konnte ich mich etwas in asiatischer Gelassenheit üben, was mir gar nicht leicht gefallen ist.

Nun zu den vielen Freuden: Ein grosser Container, voll mit Spitaleinrichtungsmaterial, gespendet vom Malteserorden (www.aidass.ch), welcher in der Schweiz nicht mehr gebrauchtes, aber noch gutes Material in Spitälern sammelt, ist seit dem 16.Oktober unterwegs nach Nepal.

Eine tolle Gruppe von 18 deutschen Scouts hat während ihrer dreiwöchigen Ferien einen intensiven Arbeitseinsatz beim neuen Spital gemacht. Sie haben eine schöne Aussentoilette mit Fusswaschbrunnen gebaut, welche für die vielen ambulanten Patienten ganz wichtig sein wird. Zudem haben sie das Spital von dem vielen Baumüll gesäubert, das Dach für die Installation der Solaranlage vorbereitet und im Garten schon zahlreiche kleine Bäume gepflanzt. Die Leiter der Gruppe haben mich auch immer unterstützt, wenn es darum ging, den verantwortlichen Bauingenieur von notwendigen Verbesserungen zu überzeugen, z.B. dass in den Untersuchungs- und Behandlungszimmern unbedingt ein Lavabo eingebaut werden muss.

Während der Tihar Ferientage haben Inge und ich wieder das Kamaya Dorf ganz im Südwesten besucht. Im Frühjahr hatte ich ihnen Geld gespendet, um in ihrem Dorf Wasserpumpen zu installieren. Jetzt habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie gut sie das gemacht haben. Diesmal haben sie mich um Geld für ein gemauertes Schulzimmer gebeten, weil sie bloss eine offene, mit Stroh bedeckte Halle haben und es während der Monsunzeit unmöglich ist, dort überhaupt zu sitzen. Das Wasser würde oft 25 cm hoch stehen, auch in den kleinen Hütten, die eigentlich eine ganze Familie schützen sollten. Die Leute waren unglaublich dankbar für die Hilfe und haben für uns Musik gemacht und eine Frau hat wunderschön getanzt mit einem schönen Kleid und einem alten Schmuck, der der ganzen Gemeinschaft gehört. Dank einem Freund, welcher mir oft eine „Notfallkasse“ füllt, konnte ich auch diesmal ihren Wunsch erfüllen.

Inge war mir eine riesige Hilfe mit ihrem geübten und kritischen Blick für Hygiene und Sauberkeit. Geduldig und stetig hat sie alle unsere Angestellten trainiert und gefordert und sie einen guten Schritt weitergebracht. Inge wird mit mir in die Schweiz zurückreisen; zwei Schweizer Pflegefachfrauen, Anne Sophie Emmenegger und Christine Sommer, bleiben jedoch bis Ende Jahr hier und werden die gute Arbeit von Inge weiterführen.

Und das Erfreulichste: Unsere Patientenzahl wächst nach wie vor kontinuierlich, viele kommen manchmal von sehr weit her dank viel Mundpropaganda. Und dank all unserer SpenderInnen können wir weiterhin 20 bis 30% der Ärmsten gratis behandeln.

 

Der erste arbeitsreiche Monat ist bereits vorbei. Unsere Hilfe ist an vielen Orten gefragt. Gottlob hatte ich drei gute Helferinnen: Inge (Lehrerin für Krankenpflege) und Anne Sophie(Pflegefachfrau), sowie Saraswoti, welche ihren Master in Public Health abgeschlossen hat und nun teilweise für uns arbeitet.

Das Abenteuerlichste war das Health-Camp in einem weit entlegenen Chepang Dorf. Die Chepang sind eine kleine, vernachlässigte Ethnie, die meisten sind sehr arme Kleinbauern. Nach einer anderthalbstündigen Fahrt durch eine wildromantische Landschaft erreichten wir das Camp, wo uns schon etliche Patienten erwarteten. Rund 200 Patienten mussten wir behandeln, alles war kostenlos. Auch der Gesundheitsminister war mit einigen Leuten angereist und hatte eine zusätzliche Kiste Medikamente mitgebracht. Zwischendurch gab es einen heftigen Monsunregen, was wir dann auf dem Heimweg zu spüren bekamen. Der Fluss, welcher auf der Anreise noch gut passierbar war, war angeschwollen und das Auto des Gesundheitsministers wurde an einen Felsen abgedrängt. Gottlob konnte dieses nach mehreren Versuchen mit einem Traktor rausgezogen werden. Unser Auto konnte nachher die Passage schaffen, aber wir mussten ihm zu Fuss durchs tiefe Wasser folgen.

Eine grosse Freude war der Blitzbesuch von Dr. Raj, unserem ersten Arzt, welcher jetzt in Manila seine Weiterbildung macht. Er kam zusammen mit seiner philippinischen Freundin für zwei Wochen nach Nepal um zu heiraten. Er hat mich dann auch gleich unterstützt, als ich von einer nahegelegenen Internatsschule um Hilfe gebeten wurde, weil viele Kinder dort an Hautkrankheiten litten. Saraswoti hat uns dabei unterstützt und auf ihre Frage, wer alles an Juckreiz leiden würde, habe etwa die Hälfte der Kinder den Finger in die Höhe gestreckt. Über 40 Kinder litten an Krätze, viele an Pilzinfektionen oder an verkratzten Ekzemen.

Auch in unserem Day Care Center nimmt die Patientenzahl stetig zu. Dr. Fred aus Deutschland war wieder für einige Tage hier, um den beiden Assistenten ein Training in Ultraschall zu geben. Wir boten dazu für zwei Tage Gratis Ultraschall Untersuchungen an und an diesen Tagen hatten wir jeweils fast 200 Patienten, die Hälfte kamen für Ultraschall. Ein unglaubliches Gedränge überall.

Eine gute Zusammenarbeit hat sich mit dem Gesundheitsministerium hier in Chitwan ergeben, zum einem mit dem Camp, zum andern bei der offiziellen Einweihung der Waste Management Programme in den vier regionalen Health Posts in unserer Umgebung. Sowas wird hier gefeiert und dazu ist gar die Vertreterin des obersten Gesundheitsministers, eine vife Gynäkologin, aus Kathmandu angereist.

Bei der vielen interessanten Arbeit blieb mir gottlob wenig Zeit für die Enttäuschung, dass das neue Spital noch immer nicht bezugsbereit ist, hatte ich doch gehofft, dass wir jetzt umziehen können. Immerhin kommen die Innenausbauarbeiten doch recht gut voran und irgendwann wird es dann so weit sein.

Im letzten Bericht habe ich über die respektlose Behandlung unseres Personals durch die Stiftungsleitung des Gunjaman Spitals berichtet. Zunächst wurde ich ziemlich unter Druck gesetzt, die Anweisungen des Präsidenten zu befolgen. Doch ich blieb hartnäckig und liess mir dies nicht gefallen. Deshalb besuchte ich dann auch weiterhin die beiden Gemeindespitäler, welche mich schon länger um Hilfe gebeten hatten. Das Komitee des Ratna Nagar Spitals bot mir an, dass „Shanti Med“ das Spital in eigener Regie übernehmen könnte. Inzwischen haben wir einen Business Plan ausgehandelt, welcher von der Regierung noch absegnet werden muss. Und die Chancen stehen sehr gut, dass die Regierung das auch tun wird.

Inzwischen hat offenbar der Präsident der Gunjaman Stiftung wohl Wind von unseren Verhandlungen erhalten und mir überraschenderweise auch angeboten, dass „Shanti Med“ das Gunjaman Spital in eigener Regie übernehmen könnte. Er und sein Sohn würden doch zu wenig Zeit haben, sich darum zu kümmern und sie verstünden auch zu wenig von Spital Management. Ich warte nun ab bis ich den schriftlichen Vertrag habe.

Auf jeden Fall haben wir jetzt zwei sehr gute Optionen und ich kann zurücklehnen bis sich die Nepali entschieden haben. Auch das andere Gemeindespital in Gaidakot habe ich mehrmals besucht und auch zweimal als Dermatologin dort gearbeitet. Nun hoffe ich, dass die deutsche Gynäkologin, die das Spital unterstützt, auch bei uns Spezialsprechstunden machen wird. Leider hat sich ihre Ankunft verzögert, aber wahrscheinlich werde ich sie kurz vor meiner Abreise noch treffen.

Wir haben hier nun endlich auch einen zweiten nepalesischen Arzt einstellen können, sodass ich mehr Freiraum für andere Kontakte habe. In der Bildmitte ist Dr. Novaraj, links Keshab, der Laborant, und rechts Surendra, der neue Apotheker. Unser Team ist jetzt sehr gut eingespielt und arbeitet für nepalesische Verhältnisse sehr fleissig. Die beiden erwähnten Gemeindespitäler haben mindestens doppelt so viel Angestellte für sogar weniger Patienten. Jeder macht dort nur gerade das, wofür er eingestellt ist. Gaidakot zum Beispiel hat eine alte Ambulanz und einen Chauffeur dazu. Aber für Notfalltransporte wird die Ambulanz kaum jemals gebraucht.

Diesmal habe ich mir auch ein paar Tage Zeit genommen, um einen Ausflug in die Provinz Bardia, ganz im Südwesten von Nepal zu machen. Dort leben die meisten Kamaiya, die „befreiten Leibeigenen“. Ihre ganzen Familien wurden durch die sogenannten Landlords zur Zwangsarbeit verpflichtet. Zwar wurde die Zwangsarbeit in Nepal 2002 endlich abgeschafft, doch obwohl die Kamaiya jetzt frei sind, sind sie ärmer als zuvor. Denn als Kamaiya erhielten sie und ihre meist kinderreiche Familie wenigstens regelmässig genügend Nahrung. Schon als Mädchen wurden früher die Kamaiyafrauen an Armen und Beinen grossflächig tätowiert, wie sie mir erzählten. Gottlob wird die sehr schmerhafte Prozedur heute etwas lockerer geregelt. Im Vortrag an unserer Jahresversammlung werde ich mehr über die Kamaiya berichten.

Seit heute arbeitet Dr. Ueli Guggisberg wieder als Volontär hier und so kann ich meine letzte Woche noch etwas ruhiger bei schon recht heissem Sommerwetter geniessen bevor ich in die immer noch kalte Schweiz zurückkehre.

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