Der erste arbeitsreiche Monat ist bereits vorbei. Unsere Hilfe ist an vielen Orten gefragt. Gottlob hatte ich drei gute Helferinnen: Inge (Lehrerin für Krankenpflege) und Anne Sophie(Pflegefachfrau), sowie Saraswoti, welche ihren Master in Public Health abgeschlossen hat und nun teilweise für uns arbeitet.

Das Abenteuerlichste war das Health-Camp in einem weit entlegenen Chepang Dorf. Die Chepang sind eine kleine, vernachlässigte Ethnie, die meisten sind sehr arme Kleinbauern. Nach einer anderthalbstündigen Fahrt durch eine wildromantische Landschaft erreichten wir das Camp, wo uns schon etliche Patienten erwarteten. Rund 200 Patienten mussten wir behandeln, alles war kostenlos. Auch der Gesundheitsminister war mit einigen Leuten angereist und hatte eine zusätzliche Kiste Medikamente mitgebracht. Zwischendurch gab es einen heftigen Monsunregen, was wir dann auf dem Heimweg zu spüren bekamen. Der Fluss, welcher auf der Anreise noch gut passierbar war, war angeschwollen und das Auto des Gesundheitsministers wurde an einen Felsen abgedrängt. Gottlob konnte dieses nach mehreren Versuchen mit einem Traktor rausgezogen werden. Unser Auto konnte nachher die Passage schaffen, aber wir mussten ihm zu Fuss durchs tiefe Wasser folgen.

Eine grosse Freude war der Blitzbesuch von Dr. Raj, unserem ersten Arzt, welcher jetzt in Manila seine Weiterbildung macht. Er kam zusammen mit seiner philippinischen Freundin für zwei Wochen nach Nepal um zu heiraten. Er hat mich dann auch gleich unterstützt, als ich von einer nahegelegenen Internatsschule um Hilfe gebeten wurde, weil viele Kinder dort an Hautkrankheiten litten. Saraswoti hat uns dabei unterstützt und auf ihre Frage, wer alles an Juckreiz leiden würde, habe etwa die Hälfte der Kinder den Finger in die Höhe gestreckt. Über 40 Kinder litten an Krätze, viele an Pilzinfektionen oder an verkratzten Ekzemen.

Auch in unserem Day Care Center nimmt die Patientenzahl stetig zu. Dr. Fred aus Deutschland war wieder für einige Tage hier, um den beiden Assistenten ein Training in Ultraschall zu geben. Wir boten dazu für zwei Tage Gratis Ultraschall Untersuchungen an und an diesen Tagen hatten wir jeweils fast 200 Patienten, die Hälfte kamen für Ultraschall. Ein unglaubliches Gedränge überall.

Eine gute Zusammenarbeit hat sich mit dem Gesundheitsministerium hier in Chitwan ergeben, zum einem mit dem Camp, zum andern bei der offiziellen Einweihung der Waste Management Programme in den vier regionalen Health Posts in unserer Umgebung. Sowas wird hier gefeiert und dazu ist gar die Vertreterin des obersten Gesundheitsministers, eine vife Gynäkologin, aus Kathmandu angereist.

Bei der vielen interessanten Arbeit blieb mir gottlob wenig Zeit für die Enttäuschung, dass das neue Spital noch immer nicht bezugsbereit ist, hatte ich doch gehofft, dass wir jetzt umziehen können. Immerhin kommen die Innenausbauarbeiten doch recht gut voran und irgendwann wird es dann so weit sein.

Im letzten Bericht habe ich über die respektlose Behandlung unseres Personals durch die Stiftungsleitung des Gunjaman Spitals berichtet. Zunächst wurde ich ziemlich unter Druck gesetzt, die Anweisungen des Präsidenten zu befolgen. Doch ich blieb hartnäckig und liess mir dies nicht gefallen. Deshalb besuchte ich dann auch weiterhin die beiden Gemeindespitäler, welche mich schon länger um Hilfe gebeten hatten. Das Komitee des Ratna Nagar Spitals bot mir an, dass „Shanti Med“ das Spital in eigener Regie übernehmen könnte. Inzwischen haben wir einen Business Plan ausgehandelt, welcher von der Regierung noch absegnet werden muss. Und die Chancen stehen sehr gut, dass die Regierung das auch tun wird.

Inzwischen hat offenbar der Präsident der Gunjaman Stiftung wohl Wind von unseren Verhandlungen erhalten und mir überraschenderweise auch angeboten, dass „Shanti Med“ das Gunjaman Spital in eigener Regie übernehmen könnte. Er und sein Sohn würden doch zu wenig Zeit haben, sich darum zu kümmern und sie verstünden auch zu wenig von Spital Management. Ich warte nun ab bis ich den schriftlichen Vertrag habe.

Auf jeden Fall haben wir jetzt zwei sehr gute Optionen und ich kann zurücklehnen bis sich die Nepali entschieden haben. Auch das andere Gemeindespital in Gaidakot habe ich mehrmals besucht und auch zweimal als Dermatologin dort gearbeitet. Nun hoffe ich, dass die deutsche Gynäkologin, die das Spital unterstützt, auch bei uns Spezialsprechstunden machen wird. Leider hat sich ihre Ankunft verzögert, aber wahrscheinlich werde ich sie kurz vor meiner Abreise noch treffen.

Wir haben hier nun endlich auch einen zweiten nepalesischen Arzt einstellen können, sodass ich mehr Freiraum für andere Kontakte habe. In der Bildmitte ist Dr. Novaraj, links Keshab, der Laborant, und rechts Surendra, der neue Apotheker. Unser Team ist jetzt sehr gut eingespielt und arbeitet für nepalesische Verhältnisse sehr fleissig. Die beiden erwähnten Gemeindespitäler haben mindestens doppelt so viel Angestellte für sogar weniger Patienten. Jeder macht dort nur gerade das, wofür er eingestellt ist. Gaidakot zum Beispiel hat eine alte Ambulanz und einen Chauffeur dazu. Aber für Notfalltransporte wird die Ambulanz kaum jemals gebraucht.

Diesmal habe ich mir auch ein paar Tage Zeit genommen, um einen Ausflug in die Provinz Bardia, ganz im Südwesten von Nepal zu machen. Dort leben die meisten Kamaiya, die „befreiten Leibeigenen“. Ihre ganzen Familien wurden durch die sogenannten Landlords zur Zwangsarbeit verpflichtet. Zwar wurde die Zwangsarbeit in Nepal 2002 endlich abgeschafft, doch obwohl die Kamaiya jetzt frei sind, sind sie ärmer als zuvor. Denn als Kamaiya erhielten sie und ihre meist kinderreiche Familie wenigstens regelmässig genügend Nahrung. Schon als Mädchen wurden früher die Kamaiyafrauen an Armen und Beinen grossflächig tätowiert, wie sie mir erzählten. Gottlob wird die sehr schmerhafte Prozedur heute etwas lockerer geregelt. Im Vortrag an unserer Jahresversammlung werde ich mehr über die Kamaiya berichten.

Seit heute arbeitet Dr. Ueli Guggisberg wieder als Volontär hier und so kann ich meine letzte Woche noch etwas ruhiger bei schon recht heissem Sommerwetter geniessen bevor ich in die immer noch kalte Schweiz zurückkehre.

Zehn Minuten vor der Landung in Kathmandu hat der Pilot gemeldet, dass wir wegen Nebel nicht landen könnten und nun nach Kalkutta weiterfliegen müssten. Nach über einer Stunde sind wir dort angekommen, mussten gut zwei Stunden warten und konnten dann gottlob wieder zurückfliegen und endlich in Nepal landen.

Schon zu Hause hatte ich beunruhigende Nachrichten erhalten und war gespannt, was mich erwarten würde. Anfangs Januar hatte unser Team einen Tag gestreikt – Notfälle wurden allerdings behandelt. Das Team war mit der letzten Lohnerhöhung nicht zufrieden. Streiks, auch in vielen Spitälern, sind hier das praktisch einzige Mittel, um Forderungen Nachdruck zu verleihen. "Shanti Med" hätte auch etwas mehr für die Lohnkosten bezahlen können, aber damit war die Stiftungsleitung nicht einverstanden. Die Mitarbeitenden dürften nicht verwöhnt werden, war ihr einziges Argument. Dann hat die Leitung der GMSMT (Gunjaman Singh Stiftung) in Einzelgesprächen den Namen des Anführers heraus gequetscht und diesen fristlos entlassen. Es war der etwas aufmüpfige Apotheker JB. Auch unsere gute Sekretärin und die Putzfrau wurden auf Ende Januar entlassen, weil sie es gewagt hatten, sich für JB einzusetzen, da der Streik ja gemeinsam im Team beschlossen worden war.

Sehr erbost über die Respektlosigkeit mit welcher hier "Untergebene" behandelt werden, aber auch über die Nacht- und Nebelaktion vor meiner Ankunft, war ich fest entschlossen dies nicht zu akzeptieren. Gottlob konnte ich wenigstens die beiden Frauen jetzt wieder einstellen. Ein neuer Apotheker war bereits da, er hat vorerst einen Arbeitsvertrag für drei Monate und arbeitet sehr gut. Immerhin läuft unsere Arbeit jetzt wieder in ruhigen Bahnen.

Dieser Vorfall hat bei mir jedoch das Fass zum Überlaufen gebracht. Da die GMSMT völlig vom Geld unseres Vereins und auch der Mitarbeit unserer VolontärInnen abhängig ist, habe ich nun ultimativ konkrete Verbesserungen bei den Mitarbeiterverträgen und Mitspracherecht beim Management gefordert. Längst bin ich nämlMusliich von mehreren kleinen Gemeindespitälern hier in Chitwan ebenfalls um Unterstützung angefragt worden. Sie alle haben mit Spenden aus der Bevölkerung zwar ein kleines Spital bauen können, doch das Wissen für ein gutes Funktionieren und das Geld für gut ausgebildete Angestellte fehlt. Dies ist leider eine weitverbreitete Tatsache und ein Grund für die schlechte Gesundheitsversorgung der Menschen in abgelegenen Regionen. Das Gemeindespital in Gaidakot zum Beispiel ist ganz neu, dank Hilfe einer Volontär-Gynäkologin aus Deutschland schon gut ausgerüstet mit "ausgemustertem" Spitalmaterial der deutschen Armee, doch fehlen auch hier gut ausgebildete Ärzte. Ich lasse mir nun Zeit zum genaueren Abklären verschiedener Möglichkeiten der Zusammenarbeit und schaue inzwischen, wie ich mit meinen Forderungen bei der GMSMT weiterkomme. Die ersten Diskussionen sind gut verlaufen, die Stiftungsleitung zeigt sich sehr kompromissbereit.

Das Geld für den Innenausbau des neuen Spitals ist zwar in Nepal angekommen, aber die Arbeit wurde noch nicht wieder aufgenommen. Da müssen offenbar noch verschiedene Behörden eine Unterschrift geben. Auch dies eine Geduldprobe.

Doch sonst geht es mir sehr gut, ich geniesse den warmen sonnigen Frühling hier, das frische lokale Gemüse und die guten Früchte. Und ich freue mich über die vielen zufriedenen PatientInnen und freundlichen Menschen. Besonders die grosse Muslim Gemeinde hier ist froh, hier eine Ärztin für ihre verschleierten Frauen zu haben.

 

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