Seit einem Monat bin ich wieder in Chitwan. Im Vergleich zum ersten Einsatz hier war es diesmal ein wirklich gutes Ankommen. Das Staff hat punkto Sauberkeit und Hygiene vieles gelernt und macht die Arbeit für nepalische Verhältnisse recht pflichtbewusst. Rings um die Tagesklinik wurden viele Blumen gepflanzt und Muna, unsere Laborantin, posiert vor den blühenden Dalien mit ihrem Ehemann, welcher gestern, nach zwei Wochen Bangen, endlich aus Lybien nach Nepal zurück kehren konnte.

Dank neuem Ultraschall-Gerät und EKG, welche wir aus Schweizer Spendengeldern anschaffen konnten, können wir jetzt verbesserte Abklärungen anbieten und die Patientenzahl nimmt zu. Und einige Staff-Mitglieder haben angefangen mit den neuen und alten Lehrbüchern, die ich mitgebracht habe, auch selbst etwas dazu zu lernen. Wir sehen eine interessante Vielfalt von verschiedenen Krankheiten und die Arbeit ist spannend.


Ungewollt schwanger

Vor zwei Wochen suchte uns die 18jährige Bimala auf. Sie arbeitet in einer der nahegelegenen Ziegeleien. Sie habe seit vier Monaten keine Mens. Die Untersuchung zeigt, dass sie im 6.Monat schwanger ist. Sie ist nicht verheiratet. Der Vater des Kindes hat eine neue Freundin und will Bimala nicht heiraten. Ein riesiges Problem! Denn Schwangerschaftsabbrüche sind auch in Nepal nach der 12.Woche illegal und häufig werden schwangere Mädchen hier von der Familie und dem Dorf völlig ausgestossen. In der Not gehen die Mädchen dann oft zu einer illegalen Quacksalberin oder bringen sich gar vor Verzweiflung selber um. Wir versprechen, ihr zu helfen. Sie soll aber zunächst noch mit ihrem älteren Bruder, der auch in der Ziegelei arbeitet, vorbeikommen. Gottlob ist er verständnisvoll und will die Eltern für die Zustimmung zu einer guten Lösung gewinnen. Nach einigen Telefonen habe ich endlich einen Platz für Bimala gefunden, im Hilfswerk „Sathi“ (Sathi heisst „Freundin“) in Kathmandu. Diese NGO nimmt ungewollt schwangere Frauen auf und betreut sie bis nach der Geburt. Falls die Frauen die Kinder nicht behalten können, sucht Sathi nach einer Adoptionsmöglichkeit. Zusätzlich erhalten die Frauen bei Sathi Unterricht in Handwerkarbeiten, aber vor allem auch Training zur Stärkung ihrer Persönlichkeit.


Schuften für einen Hungerlohn

Das Schicksal von Bimala hat mich motiviert, endlich einmal eine der Ziegeleien aufzusuchen. Denn unsere wirklich ärmsten Patienten kommen von dort. Es sind meist junge Leute aus den höheren Bergtälern, welche hier von November bis April als Gastarbeiter arbeiten. Sie krampfen im Akkord und kommen meist erst kurz vor Arbeitsschluss, weil sie sich keinen Arbeitsunterbruch leisten können. Die Frauen formen die Lehmbacksteine, die Männer tragen sie in den Ofen, es wird sieben Tage pro Woche gearbeitet. Am Abend wird abgerechnet. Für je 40 transportierte Steine gibt es eine Münze. Für 25 Münzen gibt es 200 Rupien, circa 2 ½ Franken. Neben der Arbeit müssen die Frauen auch die Familien versorgen und auf die Kinder aufpassen. Die Leute leben für sich in den kleinen, selbst gebauten Lehmbacksteinhäusern, die Kinder können nicht zur Schule. In der heissen Jahreszeit, wenn es hier zu wenig Wasser gibt und dann während der Monsunzeit, kehren sie in ihre Dörfer zurück um dort in Landwirtschaft zu helfen.


Dermatologisches Health Camp

Vor 10 Tagen haben wir ein „Health Camp“ in Chainpur, einem etwa 20km entfernen Dorf in den Hügeln, gemacht. Auf den holprigen, schlechten Strassen dauert die Fahrt dorthin mehr als eine halbe Stunde und die meist nicht motorisierten Patienten haben – ausser dem Bus, welcher aber nur einmal täglich fährt - wenig Möglichkeiten die Klinik aufzusuchen. Bei solchen Health Camps ist die erste Behandlung immer gratis und wir geben die nötigen Medikamente für etwa 2 Wochen. Falls nötig müssen die Patienten zur Nachkontrolle in die Klinik kommen. Das Camp wurde durch die Lehrer eines Schulhauses organisiert. Es kamen etwa 180 Patienten, alles Hautkrankheiten. Gottlob hat uns bei der Arbeit Dr. Sing geholfen und so konnten wir in drei verschiedenen Schulzimmern arbeiten.


Feste feiern

Trotz Armut verstehen es die Menschen hier sehr gut, farbenfrohe Feste zu feiern. Unser Nachbar mit dem kleinen Laden hat und zu seiner Shivarati Puja – eine Gebetszeremonie um Gott Shiva um Wohlstand zu bitten – eingeladen. Während sieben Priester die Gebete sangen wurde all den Gästen ein köstliches Essen serviert. Die Tochter eines weiteren Nachbars wurde verheiratet, auch dort waren das ganze Staff und über hundert Leute aus der Umgebung zum Essen geladen. Und wir selbst haben an unserem freien Tag einen Ausflug zum Elephantenreiten in den Urwald beim nahegelegenen Touristenort Sauraha organisiert. Obwohl unsere Staffmitglieder alle von der Umgebung kommen, waren sie noch nie im geschützten Urwald. Ganz besonders faszinieren war für mich der Balztanz der Pfauen mitten im Urwald. Einen grossen Dank für das Sponsoring des Ausflugs an Inge, welche letztes Jahr hier gearbeitet hat!

In vier Tagen geht mein jetziger 10 wöchiger Aufenthalt in Nepal zu Ende und ich habe diesmal gottlob viele gute Nachrichten.

Solaranlage: Während drei Wochen war Heini Glauser hier, ein Solarspezialist und Architekt aus der Schweiz. Sein Einsatz ist von Swisscontact bezahlt worden. Endlich konnten wir die Solaranlage, welche wir auf dem Dach des Shantispitals in Kathmandu nicht bauen durften, hier auf unserem Tagesspital installieren. Unser Zentrum ist jetzt voll mit Solarenergie ausgerüstet, inklusive aller Volontärräume. Wir sind sehr glücklich darüber, denn bereits hatten wir wieder Stromunterbrüche von sechs Stunden täglich. Die Elektrizitätsversorgung hier ist sehr schlecht und nach der Regenzeit nehmen die Stromunterbrüche stetig zu bis es dann im nächsten Frühsommer mit dem Monsun wieder mehr Wasser gibt.

Der Rohbau des neuen Spitals geht zügig vorwärts. Zusammen mit Heini, dem jungen nepalesischen Arzt hier und einem Spezialisten aus dem grossen Spital in Bharatpur haben wir die Innenpläne überarbeitet, sodass das Spital nun eine weit bessere Funktionalität haben wird. Heini hat auch die Pläne für eine Solaranlage auf dem neuen Spital gemacht. Dazu musste er zunächst die viel zu gross geplante Elektrizitätsversorgung redimensionieren. Mit seinen Plänen wird auch das neue Spital vollständig mit Solarenergie versorgt werden können. Sonne ist ja das einzige Gut, welches dieses mausarme Land im Übermass hat. Mit dieser Anlage werden wir auch zu Trendsettern werden, denn Solarenergie wird hier noch fast kaum genutzt. Nun werden wir in der Schweiz dafür sorgen müssen, dass wir einen Teil des notwendigen Geldes von etwa 75‘000 Franken auftreiben können.

Abfallmanagement: Per Zufall hatte ich im staatlichen Bir.Hospital Herr Mahesh kennengelernt. Er hatte drei Jahre bei der WHO in Genf gearbeitet. Nun hat er kürzlich hier die Organisation „Health without harm“ gegründet, eine bitternötige NGO für Nepal. Denn es gibt hier kaum ein Spital, das seine Abfälle richtig entsorgt. Spritzen mit Nadeln, ungebrauchte Medikamente, infektiöses Material landet meist auf irgendeiner Abfallhalde mitten in der Stadt. Und arme Leute und Kinder suchen darin nach brauchbaren oder verkaufbaren Sachen und können sich infizieren. Schlussendlich wird das Ganze dann angezündet und verbreitet all die giftigen Gase von Plastik etc. über die Wohngebiete. Glücklicherweise konnten wir Herr Mahesh gewinnen in unserem Tageszentrum die richtige Trennung und Entsorgung von Abfall einzuführen. Z.B. werden alte Medikamente, darunter auch Antibiotika und Antibabypillen, welche wir auf unserem Gelände zusammengelesen haben, nun zu feinem Pulver gemahlen. Dieses kann dann in den Bauzement gemischt werden, sodass wenigstens das Grundwasser nicht mehr verschmutzt werden kann.

Tihar: Wir haben hier auf dem Land ein sehr belebtes Tihar-Fest erlebt. Kleine Gruppen von jungen Leuten oder Kinder kommen zur Haustüre zum Singen und Tanzen bis spät in den Abend. Wir mussten natürlich auch mittanzen. Die Nachbarn brachten allerlei Speisen, v.a. Früchte und süsse Reiskuchen.

Abschied und Ankunft: Inge da Silva, die Krankenschwester, welche mit unglaublich grossen Einsatz das Tageszentrum geputzt, neu gestrichen und das Staff mit täglich neuer Geduld angeleitet hat, ist vor zwei Wochen abgereist. Es gab eine tolle Abschiedsparty mit bestem Essen. Alle vermissen sie sehr, haben aber versprochen, nun das Gelernte auch wirklich weiter zu führen. Auch Heini ist inzwischen wieder in die Schweiz zurückgekehrt.

Vor einer Woche ist ein pensionierter Kollege aus Liestal, Dr. Muja, angekommen. Er wird mich hier nun ablösen und dafür sorgen, dass das gute Funktionieren, die Hygiene und vor allem die richtige Behandlung der vielen Patienten weitergeführt werden. Auch Dr. Singh, welcher nach seinem Weggang vom Shantispital jetzt eine eigene ambulante Health NGO gegründet hat, wird für zwei Wochen hier arbeiten kommen.

Und für mich hat es gestern bereits ein grosses Abschieds-Picknick gegeben. Schwerbeladen sind wir am frühen Morgen zum grossen Picknickplatz in den nahen Hügeln gefahren. Dort waren schon viele Familien und Gruppen am Kochen. Auch unsere Kocherei hat Stunden gedauert und hat schlussendlich wunderbar geschmeckt. Überall wurde auch viel getanzt und Muja und ich waren als einzige Ausländer unter den Hunderten von Nepali die grosse Attraktion, wir mussten unbedingt überall mittanzen und die Freude der Leute hatte uns richtig angesteckt.

Seit 5 Wochen arbeite ich nun ganz im südlichen, tropischen Tiefland von Nepal, dem Tarai. Bis zur indischen Grenze sind es nur gerade 50km. Die flache weite Landschaft liegt nur noch etwa 200m über Meer. Doch an klaren Tagen kann man im Norden die vielen schneebedeckten hohen Himalaja-Gipfel sehen. Das Gebiet hier heisst Chitwan, wo auch der grosse geschützte Urwald liegt, ein für Nepal-Touristen sehr beliebtes Reiseziel. Elephantenritt in den Urwald oder Kanufahrten auf den breiten Flüssen sind faszinierend und die Tierwelt äusserst vielfältig.

Unsere Gunjaman Singh Memorial Tagesklinik liegt etwa 10 km vom Urwaldeingang entfernt im Zentrum von Pithuwa, einem Bezirk welcher aus vier Bauerndörfern besteht. Bei unserer Ankunft, ich werde von Inge da Silva begleitet, werden wir herzlich von den Präsidenten der vier grossen politischen Parteien begrüsst. Es war erstaunlich, wie friedlich sie hier zusammen sassen, obwohl sie sich doch politisch spinnefeind sind. Der Friedensprozess ist noch längst nicht abgeschlossen und die Unzufriedenheit und Frustration der Leute ist sehr gross, weil nichts von den vor den Wahlen abgegebenen Versprechungen eingehalten wurde. Unweit von unserem Tageszentrum befindet sich das grösste Maoisten camp Nepals, wo die jungen Maoisten-Kämpfer seit dem Friedensvertrag von 2006 immer noch auf eine neue Perspektive, d.h. Integration in die reguläre Armee, warten.

Die meisten Leute leben hier von der Landwirtschaft, das Gebiet ist sehr fruchtbar. Die eigenen Felder sind meist klein und reichen nicht aus für die Selbstversorgung. Die armen Bauern leben mit ihren Familien in kleinen strohbedeckten Lehmhütten, einige haben noch ein paar Ziegen oder einen Ochsen, welche etwas Milch geben und zum Pflügen gebraucht werden. Im Moment ist gerade Reisernte, draussen wird überall gedroschen und die Spreu mit grossen runden Bastfächern entfernt.

Was wir allerdings am neuen Arbeitsort vorgefunden haben, war ziemlich schockierend: Der Arzt war vor zwei Wochen weggeschickt worden, weil die Patienten offenbar mit ihm nicht zufrieden waren. Alles war schmutzig und viele Apparate defekt. Kein Wunder, denn es gab nur einen halbwegs brauchbaren Putzlumpen, einen einzigen Kessel. So mussten wir zuerst Putzmaterial, Handtücher, Farbe anschaffen. Gottlob ist das junge Team aber sehr hilfsbereit und Inge ist ein Engel, wie sie das alles angepackt. Zusammen mit dem Team hat sie innen alles geputzt und neu gestrichen. Ich habe v.a. Patienten betreut, gottlob waren es zunächst noch nicht allzu viele, denn für alles (Labor, Medikamente, Verbandmaterial, …) musste ich immer wieder rumrennen und suchen.

Vor drei Wochen hat nun ein neuer junger nepalischer Arzt angefangen, er hat in China studiert und nur gerade 1 Jahr in verschiedenen Spitalabteilungen in Kathmandu ein kurzes Praktikum gemacht. Aber die Zusammenarbeit mit ihm ist sehr gut. Wir hatten dann auch schon ein erstes dermatologisches Health Camp durchgeführt. Es war ein grosser Zulauf, alle 160Patienten wurden gratis behandelt und seither kommt etwa die Hälfte der Patienten wegen Hautkrankheiten. So ist die Arbeit für mich jetzt sehr interessant und nützlich.

Inzwischen Hat auch der Bau des neuen Spitals einige Fortschritte gemacht, es soll angeblich bereits in einem Jahr bezugsbereit sein.

Alles in allem haben wir die ersten Wochen gut überstanden und einiges bewirkt, aber es bleibt eine grosse Herausforderung, all die weiteren Aufgaben hier zu meistern und mit den schwierigen Lebensbedingungen zurecht zu kommen. Langsam sind auch unsere Volontärräume fertiggestellt und wir sind froh, nicht mehr in einer Baustelle wohnen zu müssen.

 

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