In vier Tagen geht mein jetziger 10 wöchiger Aufenthalt in Nepal zu Ende und ich habe diesmal gottlob viele gute Nachrichten.

Solaranlage: Während drei Wochen war Heini Glauser hier, ein Solarspezialist und Architekt aus der Schweiz. Sein Einsatz ist von Swisscontact bezahlt worden. Endlich konnten wir die Solaranlage, welche wir auf dem Dach des Shantispitals in Kathmandu nicht bauen durften, hier auf unserem Tagesspital installieren. Unser Zentrum ist jetzt voll mit Solarenergie ausgerüstet, inklusive aller Volontärräume. Wir sind sehr glücklich darüber, denn bereits hatten wir wieder Stromunterbrüche von sechs Stunden täglich. Die Elektrizitätsversorgung hier ist sehr schlecht und nach der Regenzeit nehmen die Stromunterbrüche stetig zu bis es dann im nächsten Frühsommer mit dem Monsun wieder mehr Wasser gibt.

Der Rohbau des neuen Spitals geht zügig vorwärts. Zusammen mit Heini, dem jungen nepalesischen Arzt hier und einem Spezialisten aus dem grossen Spital in Bharatpur haben wir die Innenpläne überarbeitet, sodass das Spital nun eine weit bessere Funktionalität haben wird. Heini hat auch die Pläne für eine Solaranlage auf dem neuen Spital gemacht. Dazu musste er zunächst die viel zu gross geplante Elektrizitätsversorgung redimensionieren. Mit seinen Plänen wird auch das neue Spital vollständig mit Solarenergie versorgt werden können. Sonne ist ja das einzige Gut, welches dieses mausarme Land im Übermass hat. Mit dieser Anlage werden wir auch zu Trendsettern werden, denn Solarenergie wird hier noch fast kaum genutzt. Nun werden wir in der Schweiz dafür sorgen müssen, dass wir einen Teil des notwendigen Geldes von etwa 75‘000 Franken auftreiben können.

Abfallmanagement: Per Zufall hatte ich im staatlichen Bir.Hospital Herr Mahesh kennengelernt. Er hatte drei Jahre bei der WHO in Genf gearbeitet. Nun hat er kürzlich hier die Organisation „Health without harm“ gegründet, eine bitternötige NGO für Nepal. Denn es gibt hier kaum ein Spital, das seine Abfälle richtig entsorgt. Spritzen mit Nadeln, ungebrauchte Medikamente, infektiöses Material landet meist auf irgendeiner Abfallhalde mitten in der Stadt. Und arme Leute und Kinder suchen darin nach brauchbaren oder verkaufbaren Sachen und können sich infizieren. Schlussendlich wird das Ganze dann angezündet und verbreitet all die giftigen Gase von Plastik etc. über die Wohngebiete. Glücklicherweise konnten wir Herr Mahesh gewinnen in unserem Tageszentrum die richtige Trennung und Entsorgung von Abfall einzuführen. Z.B. werden alte Medikamente, darunter auch Antibiotika und Antibabypillen, welche wir auf unserem Gelände zusammengelesen haben, nun zu feinem Pulver gemahlen. Dieses kann dann in den Bauzement gemischt werden, sodass wenigstens das Grundwasser nicht mehr verschmutzt werden kann.

Tihar: Wir haben hier auf dem Land ein sehr belebtes Tihar-Fest erlebt. Kleine Gruppen von jungen Leuten oder Kinder kommen zur Haustüre zum Singen und Tanzen bis spät in den Abend. Wir mussten natürlich auch mittanzen. Die Nachbarn brachten allerlei Speisen, v.a. Früchte und süsse Reiskuchen.

Abschied und Ankunft: Inge da Silva, die Krankenschwester, welche mit unglaublich grossen Einsatz das Tageszentrum geputzt, neu gestrichen und das Staff mit täglich neuer Geduld angeleitet hat, ist vor zwei Wochen abgereist. Es gab eine tolle Abschiedsparty mit bestem Essen. Alle vermissen sie sehr, haben aber versprochen, nun das Gelernte auch wirklich weiter zu führen. Auch Heini ist inzwischen wieder in die Schweiz zurückgekehrt.

Vor einer Woche ist ein pensionierter Kollege aus Liestal, Dr. Muja, angekommen. Er wird mich hier nun ablösen und dafür sorgen, dass das gute Funktionieren, die Hygiene und vor allem die richtige Behandlung der vielen Patienten weitergeführt werden. Auch Dr. Singh, welcher nach seinem Weggang vom Shantispital jetzt eine eigene ambulante Health NGO gegründet hat, wird für zwei Wochen hier arbeiten kommen.

Und für mich hat es gestern bereits ein grosses Abschieds-Picknick gegeben. Schwerbeladen sind wir am frühen Morgen zum grossen Picknickplatz in den nahen Hügeln gefahren. Dort waren schon viele Familien und Gruppen am Kochen. Auch unsere Kocherei hat Stunden gedauert und hat schlussendlich wunderbar geschmeckt. Überall wurde auch viel getanzt und Muja und ich waren als einzige Ausländer unter den Hunderten von Nepali die grosse Attraktion, wir mussten unbedingt überall mittanzen und die Freude der Leute hatte uns richtig angesteckt.

Seit 5 Wochen arbeite ich nun ganz im südlichen, tropischen Tiefland von Nepal, dem Tarai. Bis zur indischen Grenze sind es nur gerade 50km. Die flache weite Landschaft liegt nur noch etwa 200m über Meer. Doch an klaren Tagen kann man im Norden die vielen schneebedeckten hohen Himalaja-Gipfel sehen. Das Gebiet hier heisst Chitwan, wo auch der grosse geschützte Urwald liegt, ein für Nepal-Touristen sehr beliebtes Reiseziel. Elephantenritt in den Urwald oder Kanufahrten auf den breiten Flüssen sind faszinierend und die Tierwelt äusserst vielfältig.

Unsere Gunjaman Singh Memorial Tagesklinik liegt etwa 10 km vom Urwaldeingang entfernt im Zentrum von Pithuwa, einem Bezirk welcher aus vier Bauerndörfern besteht. Bei unserer Ankunft, ich werde von Inge da Silva begleitet, werden wir herzlich von den Präsidenten der vier grossen politischen Parteien begrüsst. Es war erstaunlich, wie friedlich sie hier zusammen sassen, obwohl sie sich doch politisch spinnefeind sind. Der Friedensprozess ist noch längst nicht abgeschlossen und die Unzufriedenheit und Frustration der Leute ist sehr gross, weil nichts von den vor den Wahlen abgegebenen Versprechungen eingehalten wurde. Unweit von unserem Tageszentrum befindet sich das grösste Maoisten camp Nepals, wo die jungen Maoisten-Kämpfer seit dem Friedensvertrag von 2006 immer noch auf eine neue Perspektive, d.h. Integration in die reguläre Armee, warten.

Die meisten Leute leben hier von der Landwirtschaft, das Gebiet ist sehr fruchtbar. Die eigenen Felder sind meist klein und reichen nicht aus für die Selbstversorgung. Die armen Bauern leben mit ihren Familien in kleinen strohbedeckten Lehmhütten, einige haben noch ein paar Ziegen oder einen Ochsen, welche etwas Milch geben und zum Pflügen gebraucht werden. Im Moment ist gerade Reisernte, draussen wird überall gedroschen und die Spreu mit grossen runden Bastfächern entfernt.

Was wir allerdings am neuen Arbeitsort vorgefunden haben, war ziemlich schockierend: Der Arzt war vor zwei Wochen weggeschickt worden, weil die Patienten offenbar mit ihm nicht zufrieden waren. Alles war schmutzig und viele Apparate defekt. Kein Wunder, denn es gab nur einen halbwegs brauchbaren Putzlumpen, einen einzigen Kessel. So mussten wir zuerst Putzmaterial, Handtücher, Farbe anschaffen. Gottlob ist das junge Team aber sehr hilfsbereit und Inge ist ein Engel, wie sie das alles angepackt. Zusammen mit dem Team hat sie innen alles geputzt und neu gestrichen. Ich habe v.a. Patienten betreut, gottlob waren es zunächst noch nicht allzu viele, denn für alles (Labor, Medikamente, Verbandmaterial, …) musste ich immer wieder rumrennen und suchen.

Vor drei Wochen hat nun ein neuer junger nepalischer Arzt angefangen, er hat in China studiert und nur gerade 1 Jahr in verschiedenen Spitalabteilungen in Kathmandu ein kurzes Praktikum gemacht. Aber die Zusammenarbeit mit ihm ist sehr gut. Wir hatten dann auch schon ein erstes dermatologisches Health Camp durchgeführt. Es war ein grosser Zulauf, alle 160Patienten wurden gratis behandelt und seither kommt etwa die Hälfte der Patienten wegen Hautkrankheiten. So ist die Arbeit für mich jetzt sehr interessant und nützlich.

Inzwischen Hat auch der Bau des neuen Spitals einige Fortschritte gemacht, es soll angeblich bereits in einem Jahr bezugsbereit sein.

Alles in allem haben wir die ersten Wochen gut überstanden und einiges bewirkt, aber es bleibt eine grosse Herausforderung, all die weiteren Aufgaben hier zu meistern und mit den schwierigen Lebensbedingungen zurecht zu kommen. Langsam sind auch unsere Volontärräume fertiggestellt und wir sind froh, nicht mehr in einer Baustelle wohnen zu müssen.

 

Obwohl der Lebensrhythmus der Menschen hier in Nepal viel gemächlicher erscheint als bei uns in Europa, sind meine ersten fünf Wochen hier im Nu vergangen. Stets gibt es spannende Herausforderungen in der Klinik, aber auch interessante Begegnungen und Feste ausserhalb. Zwei total entgegengesetzte Gefühle bewegen mich jedes Mal wieder: einerseits die Freude, all die Leute und Patienten wieder zu treffen, ihre Sorgen und Nöte zu hören und nach Möglichkeiten zu suchen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Anderseits die unglaubliche Stagnation in diesem Land, der politische Prozess stockt (bis Ende Mai sollte eigentlich eine neue Verfassung stehen), keine der Parteien will Macht abgeben und die Bevölkerung wird viel zu wenig in die Diskussionen einbezogen. Es gibt zwei Parallelarmeen, die alte frühere königstreue Armee und die Armee der Maoisten-Rebellen, welche gemäss Friedensvertrag von 2006 längst zusammen geschlossen sein sollten.

Neues aus der Klinik: Im November hatten wir zwei Frauen, Sarita und Joya, zur Ausbildung als Verbandschwestern für drei Monate ins Lepraspital von Anandabad geschickt. Sie beide sind nun zurückgekommen, haben viel gelernt und führen jetzt gemeinsam unser Verbandzimmer, wohin täglich etwa 50 – 70 PatientInnen kommen, vorwiegend mit schlecht heilenden Lepra-Geschwüren. Ich freue mich sehr über diese grosse Verbesserung und die gute Zusammenarbeit mit den beiden motivierten Frauen.

Für Himansing hat eine Schweizer Freundin einen neuen Rollstuhl mit Kopfstütze gespendet. Der jetzt 13 jährige Knabe ist sehr glücklich darüber, denn seine Muskeldystrophie schreitet schnell und unaufhaltsam voran und nur mit Mühe kann er seinen Kopf noch ohne Hilfe aufrecht halten.

Sudip und Ajit haben jetzt neue Hilfsmittel erhalten. Sudip hat sich als Kleinkind schwer verbrannt. Sein linker Unterschenkel musste damals teilweise amputiert werden. Weil die dünne Narbenhaut über dem Knochen immer wieder aufging, wurden nun eine Nachamputation und eine neue Prothese nötig, beides ist gottlob gut gelungen. Ajit kann nach einer Kinderlähmung seinen linken Fuss kaum mehr heben, auch er hat nun eine gute Gehhilfe erhalten.

Erstaunlich viele PatientInnen leiden hier an Epilepsie, deren Ursache aus Geldmangel meist nicht weiter abgeklärt wird. Auch die 15 jährige Laxmi leidet seit einem Jahr daran und hatte bisher bloss symptomatisch Epilepsiemedikamente erhalten. Doch ihr Zustand hat sich langsam verschlechtert und dank unserem Schweizer Verein konnten wir sie nun zur weiteren Abklärung für ein MRI an einen Spezialisten überweisen. An zwei Stellen des Gehirns wurden deutliche Einkapselungen gefunden, welche einer Neurocysticercerose entsprechen. Die Krankheit wird durch Larven des Schweinebandwurms, welche ins Gehirn einwandern, verursacht. Ihre Chance ist nun gross, dass Laxmi mit den entsprechenden Medikamenten geheilt werden kann.

Mit dem 15 jährigen Manosh, welcher an einer unbekannten, angeblich angeborenen Knochenkrankheit mit Verstümmelungen leidet, war ich nochmals beim Orthopäden. Mit seinem ausgerenkten linken Knie kann Manosh immer schwieriger gehen und er belastet zusätzlich seine bereits etwas verkrümmte Wirbelsäule. In 10 Tagen kann er nun zur Operation eintreten, das Knie muss leider versteift werden.

So, das waren einige Beispiele meiner „Sorgenkinder“, denen ich dank der grosszügigen Spenden aus der Schweiz, auch helfen kann. Euch allen möchte ich an dieser Stelle wieder einmal ganz herzlich danken für die grosse Unterstützung. Aber es gibt auch viele kleine Dinge, welche die Menschen zum Strahlen bringen, etwa den taubstummen, welcher mit umgerechnet 10 Franken, sein ziemlich kaputtes Velo wieder reparieren konnte oder Susa, welche ein Paar der vielen schönen neuen Schuhe, welche von der Firma Integra gespendet wurden, erhalten hat.

Vor einer Woche habe ich die Familien von Santosh und Krishna besucht. Gerade rechtzeitig zu Ostern, was hier zwar nicht gefeiert wird, hat ihre Ziege zwei hübsche Zicklein geworfen. Gemeinsam haben wir dann Dashinkali, eine mystische, uralte Kultstätte zu Ehren der Muttergöttin Kali besucht. Die Tempelanlage liegt in einer tiefen Schlucht. Hier werden der Göttin viel Blumenschmuck, Speisen, aber auch Tieropfer dargebracht. Nach den Ritualen und Gebeten geht es dann aber zum guten Braten und fröhlichen Picknick mit der ganzen Familie in den nahen Wald. Auch viele Glocken werden der Göttin geschenkt, ihr schöner Ton soll sie erfreuen, damit sie anschliessend den tauben Menschen das Gehör wieder zurückgibt.

 

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