Seit 5 Wochen arbeite ich nun ganz im südlichen, tropischen Tiefland von Nepal, dem Tarai. Bis zur indischen Grenze sind es nur gerade 50km. Die flache weite Landschaft liegt nur noch etwa 200m über Meer. Doch an klaren Tagen kann man im Norden die vielen schneebedeckten hohen Himalaja-Gipfel sehen. Das Gebiet hier heisst Chitwan, wo auch der grosse geschützte Urwald liegt, ein für Nepal-Touristen sehr beliebtes Reiseziel. Elephantenritt in den Urwald oder Kanufahrten auf den breiten Flüssen sind faszinierend und die Tierwelt äusserst vielfältig.

Unsere Gunjaman Singh Memorial Tagesklinik liegt etwa 10 km vom Urwaldeingang entfernt im Zentrum von Pithuwa, einem Bezirk welcher aus vier Bauerndörfern besteht. Bei unserer Ankunft, ich werde von Inge da Silva begleitet, werden wir herzlich von den Präsidenten der vier grossen politischen Parteien begrüsst. Es war erstaunlich, wie friedlich sie hier zusammen sassen, obwohl sie sich doch politisch spinnefeind sind. Der Friedensprozess ist noch längst nicht abgeschlossen und die Unzufriedenheit und Frustration der Leute ist sehr gross, weil nichts von den vor den Wahlen abgegebenen Versprechungen eingehalten wurde. Unweit von unserem Tageszentrum befindet sich das grösste Maoisten camp Nepals, wo die jungen Maoisten-Kämpfer seit dem Friedensvertrag von 2006 immer noch auf eine neue Perspektive, d.h. Integration in die reguläre Armee, warten.

Die meisten Leute leben hier von der Landwirtschaft, das Gebiet ist sehr fruchtbar. Die eigenen Felder sind meist klein und reichen nicht aus für die Selbstversorgung. Die armen Bauern leben mit ihren Familien in kleinen strohbedeckten Lehmhütten, einige haben noch ein paar Ziegen oder einen Ochsen, welche etwas Milch geben und zum Pflügen gebraucht werden. Im Moment ist gerade Reisernte, draussen wird überall gedroschen und die Spreu mit grossen runden Bastfächern entfernt.

Was wir allerdings am neuen Arbeitsort vorgefunden haben, war ziemlich schockierend: Der Arzt war vor zwei Wochen weggeschickt worden, weil die Patienten offenbar mit ihm nicht zufrieden waren. Alles war schmutzig und viele Apparate defekt. Kein Wunder, denn es gab nur einen halbwegs brauchbaren Putzlumpen, einen einzigen Kessel. So mussten wir zuerst Putzmaterial, Handtücher, Farbe anschaffen. Gottlob ist das junge Team aber sehr hilfsbereit und Inge ist ein Engel, wie sie das alles angepackt. Zusammen mit dem Team hat sie innen alles geputzt und neu gestrichen. Ich habe v.a. Patienten betreut, gottlob waren es zunächst noch nicht allzu viele, denn für alles (Labor, Medikamente, Verbandmaterial, …) musste ich immer wieder rumrennen und suchen.

Vor drei Wochen hat nun ein neuer junger nepalischer Arzt angefangen, er hat in China studiert und nur gerade 1 Jahr in verschiedenen Spitalabteilungen in Kathmandu ein kurzes Praktikum gemacht. Aber die Zusammenarbeit mit ihm ist sehr gut. Wir hatten dann auch schon ein erstes dermatologisches Health Camp durchgeführt. Es war ein grosser Zulauf, alle 160Patienten wurden gratis behandelt und seither kommt etwa die Hälfte der Patienten wegen Hautkrankheiten. So ist die Arbeit für mich jetzt sehr interessant und nützlich.

Inzwischen Hat auch der Bau des neuen Spitals einige Fortschritte gemacht, es soll angeblich bereits in einem Jahr bezugsbereit sein.

Alles in allem haben wir die ersten Wochen gut überstanden und einiges bewirkt, aber es bleibt eine grosse Herausforderung, all die weiteren Aufgaben hier zu meistern und mit den schwierigen Lebensbedingungen zurecht zu kommen. Langsam sind auch unsere Volontärräume fertiggestellt und wir sind froh, nicht mehr in einer Baustelle wohnen zu müssen.

 

Obwohl der Lebensrhythmus der Menschen hier in Nepal viel gemächlicher erscheint als bei uns in Europa, sind meine ersten fünf Wochen hier im Nu vergangen. Stets gibt es spannende Herausforderungen in der Klinik, aber auch interessante Begegnungen und Feste ausserhalb. Zwei total entgegengesetzte Gefühle bewegen mich jedes Mal wieder: einerseits die Freude, all die Leute und Patienten wieder zu treffen, ihre Sorgen und Nöte zu hören und nach Möglichkeiten zu suchen, ihre Lebenssituation zu verbessern. Anderseits die unglaubliche Stagnation in diesem Land, der politische Prozess stockt (bis Ende Mai sollte eigentlich eine neue Verfassung stehen), keine der Parteien will Macht abgeben und die Bevölkerung wird viel zu wenig in die Diskussionen einbezogen. Es gibt zwei Parallelarmeen, die alte frühere königstreue Armee und die Armee der Maoisten-Rebellen, welche gemäss Friedensvertrag von 2006 längst zusammen geschlossen sein sollten.

Neues aus der Klinik: Im November hatten wir zwei Frauen, Sarita und Joya, zur Ausbildung als Verbandschwestern für drei Monate ins Lepraspital von Anandabad geschickt. Sie beide sind nun zurückgekommen, haben viel gelernt und führen jetzt gemeinsam unser Verbandzimmer, wohin täglich etwa 50 – 70 PatientInnen kommen, vorwiegend mit schlecht heilenden Lepra-Geschwüren. Ich freue mich sehr über diese grosse Verbesserung und die gute Zusammenarbeit mit den beiden motivierten Frauen.

Für Himansing hat eine Schweizer Freundin einen neuen Rollstuhl mit Kopfstütze gespendet. Der jetzt 13 jährige Knabe ist sehr glücklich darüber, denn seine Muskeldystrophie schreitet schnell und unaufhaltsam voran und nur mit Mühe kann er seinen Kopf noch ohne Hilfe aufrecht halten.

Sudip und Ajit haben jetzt neue Hilfsmittel erhalten. Sudip hat sich als Kleinkind schwer verbrannt. Sein linker Unterschenkel musste damals teilweise amputiert werden. Weil die dünne Narbenhaut über dem Knochen immer wieder aufging, wurden nun eine Nachamputation und eine neue Prothese nötig, beides ist gottlob gut gelungen. Ajit kann nach einer Kinderlähmung seinen linken Fuss kaum mehr heben, auch er hat nun eine gute Gehhilfe erhalten.

Erstaunlich viele PatientInnen leiden hier an Epilepsie, deren Ursache aus Geldmangel meist nicht weiter abgeklärt wird. Auch die 15 jährige Laxmi leidet seit einem Jahr daran und hatte bisher bloss symptomatisch Epilepsiemedikamente erhalten. Doch ihr Zustand hat sich langsam verschlechtert und dank unserem Schweizer Verein konnten wir sie nun zur weiteren Abklärung für ein MRI an einen Spezialisten überweisen. An zwei Stellen des Gehirns wurden deutliche Einkapselungen gefunden, welche einer Neurocysticercerose entsprechen. Die Krankheit wird durch Larven des Schweinebandwurms, welche ins Gehirn einwandern, verursacht. Ihre Chance ist nun gross, dass Laxmi mit den entsprechenden Medikamenten geheilt werden kann.

Mit dem 15 jährigen Manosh, welcher an einer unbekannten, angeblich angeborenen Knochenkrankheit mit Verstümmelungen leidet, war ich nochmals beim Orthopäden. Mit seinem ausgerenkten linken Knie kann Manosh immer schwieriger gehen und er belastet zusätzlich seine bereits etwas verkrümmte Wirbelsäule. In 10 Tagen kann er nun zur Operation eintreten, das Knie muss leider versteift werden.

So, das waren einige Beispiele meiner „Sorgenkinder“, denen ich dank der grosszügigen Spenden aus der Schweiz, auch helfen kann. Euch allen möchte ich an dieser Stelle wieder einmal ganz herzlich danken für die grosse Unterstützung. Aber es gibt auch viele kleine Dinge, welche die Menschen zum Strahlen bringen, etwa den taubstummen, welcher mit umgerechnet 10 Franken, sein ziemlich kaputtes Velo wieder reparieren konnte oder Susa, welche ein Paar der vielen schönen neuen Schuhe, welche von der Firma Integra gespendet wurden, erhalten hat.

Vor einer Woche habe ich die Familien von Santosh und Krishna besucht. Gerade rechtzeitig zu Ostern, was hier zwar nicht gefeiert wird, hat ihre Ziege zwei hübsche Zicklein geworfen. Gemeinsam haben wir dann Dashinkali, eine mystische, uralte Kultstätte zu Ehren der Muttergöttin Kali besucht. Die Tempelanlage liegt in einer tiefen Schlucht. Hier werden der Göttin viel Blumenschmuck, Speisen, aber auch Tieropfer dargebracht. Nach den Ritualen und Gebeten geht es dann aber zum guten Braten und fröhlichen Picknick mit der ganzen Familie in den nahen Wald. Auch viele Glocken werden der Göttin geschenkt, ihr schöner Ton soll sie erfreuen, damit sie anschliessend den tauben Menschen das Gehör wieder zurückgibt.

 

Gestern hat das dreitägige Tihar-Fest, das Lichterfest, begonnen. Die Kinder werden am Fluss kräftig eingeseift und dann für Tihar herausgeputzt. Singend ziehen sie von Haus zu Haus und erhalten Süssigkeiten und einige Rupien. Auch aus der Shanti-Klinik hat sich eine Gruppe auf den Weg gemacht, um am nahen Pashupati-Tempel zu singen. Alle Häuser sind mit Blumengirlanden und einem Blumenteppich am Eingang geschmückt. Ein aufgemalter Lichtpfad soll das Licht ins Innere der Häuser bringen. Nach Nachteinbruch leuchten auf den Fensterbänken der Häuser tausende von kleinen Butterlampen. Die Haustempel, die sich allerdings nur die reichen Leute leisten können, sind besonders schön geschmückt und der Glücksgöttin Lakshmi werden erlesene Speisen dargebracht. Gestern Abend war ich von der Hotelfamilie zu einem spicy Tihar-Festmahl eingeladen.

Seit meinem letzten Aufenthalt hat sich bei Shanti viel verändert. Ende September war der grosse Umzug in die neuen Shanti-Gebäude. Nach drei Jahren Bauzeit ist immer noch nicht alles ganz fertig gestellt. All die vielen Werkstätten für die Behinderten brauchen noch einige Zeit bis sie richtig eingerichtet sind und auch in der Klinik gibt es noch einiges zu tun. Ach, die Arbeit der nepalischen Handwerker, vor allem der Sanitär- und Elektroinstallateure lässt so viel zu wünschen übrig!

Die Klinik ist ein Rundbau und hat einen hellen Innenhof. Vor einer Woche war ein belgischer Clown hier zu Gast. Auf Kosten des Innenhofes sind leider die Zimmer zu klein geraten und jetzt heillos überfüllt; einige Behinderte schlafen zu zweit in einem Bett und mehrere liegen auf nur einer Matratze im Gang zum nicht überdachten Innenhof. Aber sie nehmen es gelassen und sind glücklich wenigsten ein Dach über dem Kopf zu haben. So lange die Nächte noch nicht allzu kühl sind, mag das ja gehen. Im Dezember sinkt die Temperatur dann bis zu null Grad und das Spital hat keine Heizung und kein warmes Wasser.

Der meiste alte Gerümpel ist mitgezügelt worden und verstopft zusätzlich jede freie Ecke. Wir versuchen nun langsam auszumisten, unter anderem alte medizinische Apparate, die schon längst nicht mehr funktionieren; doch den Nepali fällt es sehr schwer, etwas wegzuwerfen, auch wenn es überhaupt nicht mehr brauchbar ist. Es ist wahrscheinlich die grosse Armut, welche sie an allem festhalten lässt.

Viele alte Betten sollten ersetzt werden, vor allem auch die durchgelegenen Matratzen, welche den Leuten Rückenschmerzen verursachen. Fünf Matratzen habe ich schon eiligst aus unseren Spendengeldern gekauft, weil bei einigen Paraplegikern die Gefahr von neuen Druckgeschwüren zu gross war.

Ich bin sehr glücklich, dass es nun einen zweiten nepalischen Arzt und endlich auch einen richtig ausgebildeten Physiotherapeuten gibt. Unser Schweizer Unterstützungsverein wird ihre Löhne bezahlen. Manish, der Physiotherapeut ist sehr motiviert, doch müssen wir ihm nun zuerst seinen Arbeitsraum putzen und einrichten, den er sich allerdings mit der Notfallecke teilen muss. Für ihn müssen wir bald einige der notwendigsten Arbeitsgeräte beschaffen, z.B. ein Ultraschallgerät und einen Elektrostimulator, er braucht auch für viele Patienten Gelenk- und Rückenstützen.

Mit diesen beiden neuen Arbeitskräften werden wir nun ein schon recht gutes Team bilden können. In langen Diskussionen versuchen wir nun ein Organigramm für die Klinik zu erstellen und für alle Mitarbeitenden genaue Arbeitsbereiche und Pflichtenhefte zu erstellen. Davon aber in meinem nächsten Bericht. Die vielen Behinderten unserer Klinik, zurzeit sind es 80 Leute, können hoffentlich bald davon profitieren und besser betreut und rehabilitiert werden.

Zu guter letzt: Alle Klinikwäsche und die Kleider werden auf dem Dach von unseren acht Waschfrauen (noch) von Hand gewaschen. Wenn irgendwann Geld vorhanden ist, werden wir eine Waschmaschine anschaffen können.

 

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